Freitag, 3. August 2012

Streitigkeiten um Fantasyliteratur

Als jemand, der selbst Storys schreibt, die im Fantasy-Bereich angesiedelt werden können und als jemand, der fast ausschließlich Fantasy liest, komme ich nicht umhin etwas dazu zu sagen. Und ich dachte mir, ich mache es besser so früh nach der Entstehung des Blogs wie möglich.
Es geht um Urteile, die rund um Fantasy-Literatur gefällt werden. Meist gerade von Leuten, die selbst kaum/keine Fantasy lesen und deshalb auch eigentlich keine wirklich umfassende Meinung davon haben können. Eigentlich. Da aber 99% der Meinungen dieser Welt so oder so nicht fundiert sind, wird natürlich auch über die Fantasy-Literatur vorgeurteilt. Ein paar der üblichen Unterstellungen werde ich an ein, zwei Beispielen von Fantasy-Welten entkräften. Solltet ihr noch mehr solche Urteile kennen, irgendwo da unten müsste eine Kommentier-Funktion sein. Meine Beispiele werden folgende Welten sein:

  1. J.R.R. Tolkiens Fantasywelt, in der unter anderem "Der Herr der Ringe" oder "Der Hobbit" ihren Platz finden. 
  2. Die Fantasywelt um die Videospiele-Reihe "The Elder Scrolls". 
Fangen wir mal mit den berüchtigten Unterstellungen an:
Fantasy-Welten sind doch alle in etwa gleich aufgebaut! 
Oberflächlich betrachtet mag das so aussehen, auch bei unseren beiden Fantasy-Welten. In beiden gibt es Elfen, Orks und die üblichen verdächtigen. Halt, nein! Schon da haben wir etwas übersehen, beispielsweise die Katzenwesen (Khajiit) oder die Echsenwesen (Argonier) in der Elder Scrolls-Welt.
Der generelle Aufbau unterscheidet sich bei unseren beiden Beispielen eigentlich massiv, aber um das zu bemerken müsste man sich etwas länger mit beiden beschäftigen als fünf Minuten. Komplett unterschiedlich strukturierte Entstehungsgeschichten der Welt, unterschiedliche Religionen, unterschiedlicher geographischer und historischer Aufbau der Welt. Unterschiedliche Bedeutungen der Rassen (Orks sind in den Elder Scrolls zwar eine weniger beliebte Rasse, aber keine Lemminge eines Antagonisten).
Wir merken recht früh, dass es bei einer Fantasy-Welt stark um die Geschichte geht, die dahinter steht. Der Autor muss in allen Details bescheid wissen, um sein Werk gut transportieren zu können, und dafür muss er erst einmal alle Details erfinden. Eine Arbeit, die eigentlich viel zu wenig gewürdigt wird, wenn wir uns J.R.R. Tolkien ansehen, der ein Leben lang daran gearbeitet hat.

Der Plot ist doch eigentlich immer derselbe: "Gut gegen Böse"! 
Nein. Nein, wirklich nicht. Kein bisschen. Und selbst wenn, sehen wir uns doch einmal den Plot des Herrn der Ringe an, der ja immer als "Gut gegen Böse"-Plot verschrien wird:
Selbst Experten können sich am Plot tot analysieren. Allein die Figur Gollum/Smeagol lässt komplizierteste Psychoanalysen zu. Gollum ist auch ein gutes Beispiel für die Komplexität der Story: Nichts wird als reines Böse dargestellt außer Sauron und seine Schergen, Gollum verkörpert also nicht das reine Böse, er hat Beweggründe, Erklärungen, und die schützende Argumentation einer Art "Sucht". Und natürlich seine Ur-Persönlichkeit Smeagol, den lieben kleinen Typen vom Flussvolk.
Auch ist interessant, wie Tolkien das reine Böse dargestellt hat: Das nicht-Vorhandensein von unabhängigem Leben wie bei den Nazgul, ein moralisches Vakuum, keine unabhängigen Gedanken. Mechanisierte Lebewesen. Zudem sei beim Herrn der Ringe noch einmal die große Anwendbarkeit der Story beschrieben: Jeder kann doch quasi seine eigene Bedeutung oder eigene Erlebnisse aus seinem Leben hineinlegen, als Äquivalent zum Ring? Stellen wir uns beispielhaft vor, der Ring würde für Atomenergie stehen. Passt, oder? Verführerische Macht, zerstörerisch, aus guten Absichten werden böse. Oder ersetzen wir mal einen Charakter, zum Beispiel Saruman durch Hitler. Da passt nicht einwandfrei alles, aber... die Gewaltigkeit der Stimme bei Reden zum Beispiel, ein Heer, das alle schlimmsten Befürchtungen noch übertrifft, perfide Gedanken, falsche Schlüsse? Ja, das ist bei beiden zu finden.
Als anderes Beispiel haben wir die Elder Scrolls, ich picke mir mal den aktuellsten Plot heraus, den Plot des Videospiels "Skyrim": Wir haben die Rückkehr der Drachen, die wir augenscheinlich als das Böse betrachten könnten. Aber dann... aha, es gab einen Drachentöterorden, der diese Spezies gnadenlos ausgerottet hat, der Anführer der Drachen lebt nur durch menschliches Versagen noch... scheint doch etwas vielschichtiger zu sein, als man glaubt, oder? Bis einen dann zuletzt Gespräche mit einem Drachen selbst endgültig daran hindern, die Viecher zu hassen. Oder nehmen wir den Bürgerkrieg in Skyrim: Das Kaiserreich gegen einen verhältnismäßig lokalen Aufstand. Beide Seiten haben eine Menge Blut an ihren Händen, auch unschuldiges Blut. Beide Seiten haben keine weiße Westen und können für vieles verantwortlich gemacht werden. Klingt nicht nach "Gut gegen Böse", oder? Klingt eher so, wie es im realen Leben auch ist. Und damit kommen wir zur nächsten Unterstellung...

Fantasyliteratur entzieht sich doch der realen Welt, ist eskapistisch! 
Auch das stimmt nicht, man bräuchte jetzt nur bisher den ganzen Post gelesen und ein wenig mitgedacht haben... in den Herrn der Ringe kann jeder seine eigene, schockierende Bedeutung legen. Ein Krieg, bei dem es keine Unschuldigen gibt (auch wenn es geschmacklos erscheint: Erinnert das nur mich an den Nahost-Konflikt?). Und dazu haben wir noch, dass Fantasyliteratur sich manchmal gerade den Fragen stellt, von denen sich jeder wünscht, im Leben nie vor ihnen stehen zu müssen. Was würdest du machen, wenn du nach Einbruch eines Bürgerkriegs plötzlich einen Freund auf der anderen Seite siehst? Was bist du bereit für die zu opfern, die dir nahe stehen?

Ich hoffe ich habe es geschafft, euch ein wenig zum Nachdenken anzuregen, oder vielleicht auch ein paar von euren Vorurteilen aus dem Weg zu räumen. Wie bereits gesagt, wenn ihr ähnliche Verurteilungen kennt, würde es mich freuen, wenn ihr einen Kommentar da lasst.

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